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Kempten / Allgäu > Wangen                                                                                                         

(61 Km / 306 Hm↑ = Höhenmeter)

Wangen > Langenargen / Bodensee

(33 Km / 137 Hm ↑)

                      Gesamt: 94 Km / 443 Hm ↑

                     Text & Fotos: André-S. Niedzielski

 

Zuerst muss der Ausgangspunkt erreicht werden, Kempten, größte Stadt der Region Allgäu in Bayern, am Fluss Iller.

Für die Zugfahrt nach Kempten musste ich im benachbarten Tirol an einem kleinen Bahnhof einsteigen. Der Bahnhof, mitten im Gebirge, war offensichtlich leer, kein Mensch weit und breit, aber auch kein Schalter oder Ticketautomat zu sehen. Ich wollte aber nicht ohne Fahrausweis in den Zug einsteigen und klopfte an die Tür des Minigebäudes. Es kam ein souveräner Bahnhofsvorstand raus, der mir kurz und knapp sagte: ”die Fahrscheine werden im Zug verkauft, kommt ein Schaffner, müssen Sie zahlen, kommt keiner ist die Fahrt gratis.“ Und genauso ist es gekommen…

Bahnhofs Anekdote...

Bahnhofsanekdote

Die einstmals keltische, später Römerstadt, Kempten ”Cambodunum”  hat diese Periode ihrer Geschichte im Museum ”Archäologischer Park” zusammengefasst. Nach der Chronik ist die Stadt eine der ältesten Deutschlands. Sie weist in ihrer Geschichte eine bewegte und blutige Periode über mindestens 500 Jahre vor. Diese dramatische Zeit fing gegen 1280 mit der Trennung der Reichsstadt, die protestantisch und demokratisch war, von der Stiftstadt, die katholisch und autoritär war, an. Bis dahin hatten die Benediktineräbte  die Alleinherrschaft über die Stadt ausgeübt und waren über diesen Schachzug  des Hauses Habsburg nicht gerade begeistert. Es folgten jahrelange Dispute, Morde, Kriege und sonstiges Unheil. Für die Entwicklung der Stadt alles andere als günstig.

Die Residenz

Kempten, die Residenz

Erst im Jahre 1802, durch den Eingriff und die Besetzung der Stadt durch die Bayerischen Truppen konnte ein Ende des Zankes erzielt werden. Kempten wurde einfach ”Bayerische Stadt”.

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Kempten, das „Zumsteinhaus“ ,gebaut von der Familie „de Pierre“

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Kempten, das „Schlößle“ (Renaissancebau) und die zentrale Treppe zwischen Reichsstadt und Stiftstadt oben

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Kempten, das Rathaus mit Rathausbrunnen

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Kempten, die Basilika St.Lorenz

Während des zweiten Weltkriegs sind Teile der Stadt von den Alliierten, vor allem wegen der ”Messerschmitt-Fabriken”, bombardiert worden.

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Kempten, die evangelische Kirche St. Mang, im Herzen der Altstadt

Kempten, mit seinen 67.000 Einwohnern versteht sich als ”Hauptstadt” des Allgäus und weist vielseitige und wichtige Aktivitäten vor. Wirtschaft, kulturelles und touristisches Zentrum. Kleine und mittelgroße Industrie, große Kaufhäuser, Schulen von jeglicher Art bis hin zur Fachhochschule. In der Region, mit ihren saftigen, dunkelgrünen Wiesen (feuchtes Klima!) dominieren Vieh und Milchwirtschaft. In Kempten sitzt sogar die Süddeutsche Butter und Käse Börse.

Sehenswürdigkeiten in der Stadt: die evangelische Kirche Sankt Mang (1760 restauriert), die Basilika Sankt Lorenz (barock), die Residenz (1651-1666) ein ehemaliges Benediktiner Kloster, das Rathaus (1570-1574) in der Altstadt, das Schlößle (oberhalb der Freitreppe).

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Originelle Einladung, ein meditativer Rundgang wird auch angeboten

Vom Bahnhof aus, kommt man zuerst unter einem Bogen durch, um danach stadtauswärts auf die Bahnhofstrasse, später Heussring-Radweg zu gelangen. Der Heussring steigt nach rechts in einer langgezogenen Kurve und nach einer weiteren eher flachen Strecke kommt man zu der Kreuzung mit dem Aybühlweg auf der linken Seite. Dieser führt uns direkt zur Lindauerstrasse Richtung Buchenberg, der wir, immer noch auf dem Seitenradweg, bis zum Stadtteil Rothkreuz folgen. Von da an biegt der Radweg leicht nach rechts und bald merkt man, dass der Argentalradweg erreicht ist, es wird nämlich holprig, der Radweg ist hier nicht mehr asphaltiert.

Die Radwegstrecke entspricht genau dem Verlauf der ehemaligen Eisenbahnlinie Kempten-Isny und weist nur schwache Steigungen auf, maximal bis 3%, weil die damaligen Dampflokomotiven nicht mehr bewältigen konnten. Auch typisch für Radwege entlang alter Bahnstrecken, die langen geradlinigen Abschnitte. Oft mitten im Wald, wo der Radwanderer, wie jetzt im Sommer, von der Frische im Schatten der Tannenbäume profitieren kann. Der Schwachpunkt ist hier die Radwegbeschaffenheit, weil auf längeren Abschnitten nicht geteert wurde, bloße Erde und feiner Schotter. So ist es anstrengender und vor allem, beim bergab Fahren, ungemütlich. Ab einer Geschwindigkeit von 25 km/h wird das beladene Fahrrad instabil und man ist gezwungen mit der Hinterbremse zu regulieren.

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St. Mang- Brunnen

Allgäu pur

Allgäu pur, der Radweg vor Buchenberg

Also kein leichter Radweg, eine gewisse Raderfahrung wird verlangt. Wenig geeignet für Rennräder oder Räder mit profillosen Reifen.

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Weitnauertal

Nach Kempten, Ahegg, Ermengerst und der Aufstieg zum Buchenberg, kommt man zum Europäischen Wasserscheidepunkt. Donaugebiet nach Norden und Rheingebiet nach Süden. Theoretisch könnte man einen markierten Tropfen bis zum Schwarzen Meer einerseits und bis zur Nordsee andererseits verfolgen.

Weiter auf dem Weg nach Isny, geht es bald abwärts und die Fahrgeschwindigkeit nimmt deutlich zu. Freilauf ist nicht möglich, das Fahrrad wird dann instabil. Unten angelangt, am Ende des Weitnauertals, kommt endlich die Argen zum Vorschein. Eigentlich nur die obere Argen, die zusammen mit der unteren Argen, die wir später auf dem Weg treffen werden, den eigentlichen Fluss Argen bilden.

Am Wasser entlang, eine hübsche Passage auf geteertem Radweg bis nach Grossholzleute, so heißt die Ortschaft und lässt an „gute Geschäfte in der Holzwirtschaft“ denken.

Gleich am Anfang des Dorfes und unübersehbar, ein altes Wirtshaus aus dem 15 Jh., wo illustre Gäste wie die Kaiserin Maria-Theresia von Österreich sowie die Königin Marie-Antoinette übernachtet hätten: Gasthaus Adler mit prunkvoller bayerischer Wandmalerei.

Radtour Argenradweg 15-16-17.07.15 162

Isny, Fussgängerzone und Stadttor. Die Stadt war im Allgäu ein Zentrum der Reformation

Noch einige Kilometer, eine kurze Steigung und der Radweg führt direkt nach Isny, ”die Protestantische” (1529). Eine kleine Stadt von 18.000 Einwohnern, mit mittelalterlichem Charakter und zwölf prächtigen Barocktürmen, die scheinbar die ganze Stadt unter konstanter Beobachtung halten. Im Schatten der mächtigen historischen Stadtmauer, eine letzte Pause vor dem Endspurt der heutigen Etappe, etwa 20 Kilometer bis nach Wangen.

Mitten in einer grünen hügeligen Gegend gelegen, weist diese hübsche und gepflegte, historische Stadt eine vielfältige Architektur, vom Mittelalter bis zum Barock auf. Eine Anzahl von Kapellen, Kirchen und Klöstern sind hier zu bewundern. Entlang der Gassen, bis zu 25 Steinbrunnen mit verschiedenen Motiven. Davon ein wohl bekannter, der Spuckbrunnen, der tatsächlich auf die neugierigen Zuschauer kleine ”Wasserjets” schleudert.

Wangen...Vorsicht....der Spuckbrunnen!

Wangen, Vorsicht, der Spuckbrunnen!

Wangen,Fussgängerzone die Stadt wird langsam ruhig.

Wangen, Fußgängerzone, die Stadt wird langsam ruhig.

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Wangen, halbkitsch

 

 

 

 

 

Wangen hat selbst 26.000 Einwohner und muss bis zu 1 Million Besucher im Jahr empfangen, eine davon meine Person, die hier in der Altstadt ein malerisches, jedoch lautes Hotel gebucht hatte. Die Gassen des Mittelalters  sind doch sehr eng… und man kann ohne weiteres das Fernsehprogramm im Nachbarhaus mithören.

Wangen, Sankt Martinstor

Wangen, Sankt Martinstor

Eine gute Adresse in Wangen "Die blaue Traube".

Eine gute Adresse in Wangen, die ”blaue Traube”.

Wangen,Hinterhof.

Wangen, Hinterhof.

Am nächsten Tag, so warm wie zuvor, wird die zweite und letzte Etappe bis Langenargen am Bodensee gestartet.

Radtour Argenradweg 15-16-17.07.15 191

Adieu Wangen

Die Landschaft ist noch recht hügelig.

Die Landschaft ist noch hügelig

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inoffizielle Markierung

Die Landschaft hat sich grundlegend verändert. Die dunkelgrünen Wiesen und die typischen Almbetriebe des Allgäus, wo die Landwirtschaft sich auf Viehzucht und Milcherzeugung konzentriert, haben wir verlassen. Je näher ich dem ”Grossen See”, dem ”Schwäbischen Meer” komme, desto farbenreicher wird die Gegend. Maisfelder und Hopfenplantagen mit ihren 6 bis 7 Meter hohen Gestängen, die fast zum Himmel ragen. Truppen von Gastarbeitern, die in den Erdbeerfeldern beschäftigt sind. Gepflegte und wohlhabende Dörfer.

Die untere Argen

Die untere Argen

Der Radweg macht noch etliche Abstecher auf die benachbarten Hügel und verlangt Energie. Erst ab Laimnau, wo das Argental sich deutlich ausweitet, fährt man schön flach am Flussufer entlang. Radgenuss pur, die Kilometer schmelzen dahin.

Erdbeer Felder und Hopfenplantagen.

Erdbeerfelder und Hopfenplantagen

Der letzte Teil der Strecke erweist sich als deutlich leichter, der Bodensee kommt schnell näher. Die Landschaft breitet sich frei aus, der Boden scheint fruchtbar zu sein, vielleicht dank der regelmässigen Überschwemmungen der Argen. Langenargen mit Schloss Montfort, eine mächtige Festung knapp am Wasser, zeigt sich am Horizont.

Gute Radwegmarkierung

Gute Radwegmarkierung

Zielgerade...

Zielgerade

Die majestätische Grösse des Bodensees

Die majestätische Größe des Bodensees

Der typische Seegeruch macht sich bemerkbar und es erscheint die majestätische Größe des Bodensees mit dem frischen und sanften, klaren Wasser… optimal zum Baden.

Fazit: ein mittelschwerer Radweg ausgehend vom grünen Herzen des Allgäus zum drittgrößtem mitteleuropäischen Binnensee. Markante und deutlich verschiedene Regionen, verbunden durch einen kleinen eher unbekannten Fluss mit idyllischem Charakter: die Argen.

http://www.meine-velotouren.de/vom-bodensee-zum-rheinfall/

http://www.meine-velotouren.de/der-argen-entlang-vom-bodensee-zum-hinterland/

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