Mixe > Source Yons > Saint-Girons Plage > Vielle-Sant-Girons > Linxe > Mixe

35 Km / 90 Hm↑ (Höhenmeter)

Mixe > Lit-et-Mixe > Cap de l’Homy > Contis Plage > Saint-Julien-en-Born > Lit-et-Mixe > Mixe

40 Km / 29 Hm ↑ (Höhenmeter)

 Mixe > Vielle-Saint-Girons > Saint-Girons Plage > Léon > Moliets >  Vieux Boucau > Mixe

82 Km / 250 Hm ↑ (Höhenmeter)

 

Text & Fotos: André-S. Niedzielski

Das Wochenende war extrem regnerisch. Wassermassen, die pausenlos über  Aquitanien nieder prasselten, besonders in Küstennähe. Unser Basiscamp hatten wir in Mixe gesetzt, ein kleines Dorf der Gegend „les Landes“ (lé Laande), weit südlich von Bordeaux. Ein paar Häuser, die um ein bekanntes Restaurant herum stehen.

 

……unendliche Waldradwege

Erst Anfang der Woche, bei spärlichen Aufheiterungen konnten mein Radfreund und ich die Fahrräder mobilisieren. Los ging es für die erste Tour auf die Landstraße Nr.652, die wir glücklicherweise bereits nach einigen 100 Meter verlassen konnten um in die Route de Yons (Yonss) hinzubiegen, einer dieser zahlreichen asphaltierten Nebenstraßen, die die Gegend durchkreuzen zur Freude der Radfahrer. Es sind bezaubernde Wege, nicht exklusiv für Radler, aber so wenig vom Autoverkehr benutzt, dass man sich in Sicherheit fühlt. Wunderbare Abfahrt in Richtung der Atlantikküste um zunächst an die Quelle Yons zu gelangen. Eine kleine, aber lokal bekannte Wasserquelle, die aus einem Eisenrohr abfließt und so schmeckt auch das Wasser. Denn es ist eine eisenhaltige Quelle, angeblich gegen jegliche Art von Magenbeschwerden wirksam. In Flaschen abgefüllt sind häusliche Kuren gratis möglich.

 

Die Wasserquelle Yons

Der blühende Pinienwald

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Route de Yons führt direkt zur Vélodyssée, ein berühmter Radweg entlang der Atlantikküste Frankreichs. Aus England kommend läuft sie über Roscoff in der Bretagne bis zur spanischen Grenze in Hendaye. Wir fahren mitten im Wald der Landes mit beeindruckender  Herbstfärbung der blau-violett blühenden Heidekraut Felder. Nach einigen Kilometern dieser zauberhaften Strecke wo der Radfahrer die reine Luft der Pinienwälder auskosten kann, gelangt man entspannt an den Strand von Saint-Girons. Dort wartet ein beeindruckendes Spektakel, das schäumend aufgewühlte Meer, das weniger zum Baden als eher zur respektvollen Betrachtung einlädt. Einzelne Touristen der Nachsaison, die stundenlang das gewaltige Bild der „Côte d’Argent“ (die Silberküste),  gemütlich in einer Sandkuhle der Dünen, oder hinter einem sonstigen Schutz vor den bereits frischen Windböen, betrachten.

Aufgewühlter Atlantik – La Côte d‘ Argent

Um eine Abkühlung zu vermeiden fahren wir weiter, diesmal mit Rückenwind in Richtung Vielle-Saint-Girons. Die Landstraße  D42 ist zu dieser Nachsaisonzeit wenig befahren, dafür geht es stramm aber behutsam aufwärts. Kalorienversorgung in der lokalen Bäckerei und weiter nach Linxe mit der Kirche  Saint-Martin aus den 12. Jh.

Knapp vor der Ortschaft, auf der linken Seite geht eine verkehrsarme Straße nach Mixe, die D 397. Feuriger Sonnenuntergang am Horizont, angenehme Strecke, wo man mit Spaß weiter rollt um die 30 Km lange Tour zwanglos zu beenden.

Am nächsten Tag ist es noch recht kühl, aber die Sonne kommt langsam raus und verspricht einen passenden Tag für eine längere Tour. Wir nehmen gleich die Landstraße 652 mit mittlerer Verkehrsdichte Richtung Lit-et-Mixe (in der lokalen Sprache Lit e Micse), eine etwa 1.500 Seelen Gemeinde, von Mixe nur 5 Km entfernt. Seltsame Bezeichnung dieses Lit was in französisch Bett heißt, aber tatsächlich nichts damit zu tun hat. Es wird Litt ausgesprochen und kommt vom Gascon, der Landessprache Aquitaniens: lete, „schmales Tal in den Dünen“.

 

 

 

Just vor Dorfanfang auf der linken Seite, ein wunderbarer Radweg mitten in Pinienwälder mit einer milden auf- und-ab Strecke. So kommt man auf die Radpiste im Küstenbereich und den großartigen Sandstrand vom Cap de l’Homy. Seit gestern hat sich der Atlantik beruhigt und strahlt seine Mächtigkeit aus.

Surfschule in Aktion

Heidekraut Felder im Pinienwald

Die Vélodyssée

 

 

 

 

 

 

 

Es geht weiter nach Norden zum Strand von Contis. Eine fabelhafte Strecke in einem malerischen Pinienwald, der im September durch die blühenden Heidenfelder, verschiedene Sträucher mit tief-roten Früchten und flächenhaft verteiltem weißen Ginster, sehr bunt erscheint. Der Leuchtturm des Seebads ist bald sichtbar und wir biegen vor der Ortschaft nach rechts, ebenfalls auf einem Radweg zunächst am Straßenrand nach Saint-Julien-en-Born. Etwa 4 Km weiter fährt man jetzt abseits des dichten Pinienwaldes und kommt in eine völlig andere Landschaft, mit hier und da landwirtschaftlichen Betrieben und industriellen Forstbezirken mit den typischen unterschiedlich hohen Pinienplantagen (Periodischer Holzschnitt).

 

Forstwirtschaft

Selten sieht man einzelne Häuser, kleine Bäche, Gehölze und gerade als wir bei einer Baumgruppe ankommen, liegt vor uns eine ganze Pinie quer auf dem Radweg! Zwei Arbeiter aus einer nahen Werkstatt eilen zum Unglücksort um die Schäden zu inspizieren: eine zerrissene elektrische Leitung am Boden, zwei Radfahrer die noch mal Glück hatten und niemand unter dem Baumstamm. „Sache von 10 Sekunden“ sagt uns einer der Männer der bereits mit seinem Handy die Forstbehörden alarmiert.“Sie haben wohl Schwein gehabt!“ sagt der Zweite etwas blass um die Ohren. Glück muss man als Radfahrer des öfteren haben…

…Glück gehabt!

 

Nachdem wir vorsichtig um die abgebrochene, verdächtig funkelnde elektrische Leitung herum gegangen waren, setzten wir die Fahrt fort, philosophierend über die Unsicherheit des Lebens, die Zufälligkeit mit der man rechnen muss, “lieber jetzt leben“, Carpe diem, usw…

Saint-Julien-en-Born

Die Richtung stimmt

 

 

 

 

 

 

 

Von Saint-Julien-en-Born bis Lit-et-Mixe gibt es leider keinen Radweg. Es bleibt uns nichts anderes übrig  als die Landstraße mit mäßigem Verkehr zu benutzen. Dazu noch Gegenwind und das erleichtert nicht die Fahrt.

Lit-et-Mixe – Hauptstrasse

Lit-et-Mixe – Die Kirche Notre-Dame de Lit

 

 

 

 

Lit-et-Mixe ist eine charakteristische Ortschaft der Region mit einer zentralen Einkaufsstraße, einzelnen Fachwerkhäusern und einer mächtigen Kirche, deren Grundwerk, ein quadratischer Turm aus dem 12. Jh. stammt. Ein touristisch geprägtes Dorf mit einem sympathisch geführten Fremdenverkehrsamt wo man freundlich und kompetent empfangen wird. Dazu noch ein originelles Museum über die Geschichte der Region: Le Musée Landes d’Antan.

Fremdenverkehrsamt

 

Anstatt wiederum die Landstraße D 652 ohne Sicherheitsstreifen und mit starkem Verkehr am späten Nachmittag zu wählen, haben wir auf der linken Seite die Route de Lagadet  genommen die nach 5 Km in die Route de Gemié einmündet und uns von da aus kurz nach Mixe führt. Diese Nebenstraßen mit ausgesprochen schwachem motorisiertem Verkehr verbinden durch die Landes viele Dörfer miteinander. Sie sind die Überbleibsel  ehemaliger Bahnlinien oder einfach der Transportwege der Gemmeurs, den Harzarbeitern. Übrigens ein hohes Potential für die Erweiterung des Radwegnetzes in der Region. Ideale Strecken für die Radfahrer, bei geringem Gefälle und gutem Belag ist es ein purer Genuss hier unter relativ ausgezeichneten Radsport Bedingungen zu fahren. Radfahrerglück nach dieser bewegten Tour.

 

Die dritte Radrunde führt uns nach Vieux Boucau, ein bekanntes Seebad etwa 40 Kilometer südlich von Mixe, wo wir am frühen Vormittag starten. Die Landstraße nach Vielle-Saint-Girons ist noch mäßig befahren und wir kommen zügig voran. Abzweigung nach Saint-Girons Plage und Anschluss an die Vélodyssée nach Süden. Dichter Pinienwald in dem man sich vor den Wetterkapriolen geschützt fühlt. Wenig Radfahrer und schnelles vorwärts kommen auf einem gepflegten Radweg mitten in einem großartigen Rahmen. Zunächst am See von Léon vorbei, danach die Ortschaft selbst, wo die Radpiste sich im Gewirr der Straßen verliert um am Ende wieder ihren Verlauf einzunehmen. Auf der Höhe von Moliets einsetzende Beinschwere und kurze Pause für die Kalorienzufuhr und  Normalisierung des Zuckerspiegels um Messanges und Vieux Boucau am Meer zu erreichen.

Vieux Boucau – Hauptstrasse

Nach einem herzlichen und bewegenden Besuch bei einem ehemaligem Schulfreund der uns königlich empfängt, schauen wir uns das Seebad an, das eine außergewöhnliche Geschichte vorzuweisen hat. Ursprünglich war Vieux Boucau ein kommerziell sehr wichtiger Hafen an der Einmündung des 300 Km langen Fluss Adour, der aus den französischen Pyrenäen unweit vom Aspin-Pass kommend, das gesamte Baskenland durchquerte um hier in den Atlantik zu münden. Eine hervorragende strategische Lage mit einem Handelspotenzial der ersten Wahl. Pinienholz, Harz, Wein und sonstige Güter vom Hinterland gingen durch den berühmten Hafen. Bis 1578, wo aus verschiedensten Gründen, darunter auch häufige Überschwemmungen, der Fluss Adour unter heftigem Widerstand der Bevölkerung nach Bayonne umgeleitet wurde.

Moliets – Typisches Haus

 

Vieux Boucau fand dank des Tourismus viel später seinen Wohlstand wieder und ist jetzt ein weltbekanntes Seebad mit dem eindeutigen Vorteil der Strandlagen: sowohl am Meer als auch an einem See.

Die Rückfahrt hatten wir über die Nebenstraße D328 geplant, eine Abkürzung die uns mindestens 10 Kilometer erspart hätte und zwar von Moliets aus über den Courant von Huchet („l’Amazonie landaise“) bis zur Vélodyssée. Zu schnell vorbei gefahren… oder Unaufmerksamkeit, jedenfalls den Anschluss verpasst und wir mussten den Retourweg  hart erkämpfen! Rätsellösung: in Moliets nach Maâ zielen. Ein sportlicher und denkwürdiger Tag.

Fazit: Die quasi ständige Präsenz der majestätischen Pinienwälder der Landes und der gigantischen Atlantikstrände stellt einen äußerst attraktiven Rahmen für Radwanderer dar. Besonders die Radwege im Küstenbereich sind mit Hochgenuss zu befahren. Ausgezeichnete Infrastruktur der Region bezüglich Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants, Unterkunft und touristische Information.

In der Gegend zu besuchen: 

Das Museum „Landes d’Antan“ IN LIT-ET-MIXE

 

 

Familienbild

Zusammengesetzt aus verschiedensten Objekten die authentisch aus  der Bevölkerung stammen, u.a alte Bilder, Fotografien…   mehrere  Räume in Kommunalhäuser untergebracht. Die geführte Visite lohnt sich. Rasch vertieft man sich in die harte Realität der damaligen Zeiten (19-20 Jh.), in denen das tägliche Leben in der Gegend nicht einfach war.

Auf dem Bauernhof

Der Schuster

 

 

 

 

 

 

 

Ein aufschlussreicher Rundgang: Agrarwirtschaft, Viehzucht, Harzernte und Fischfang an Bord der „Pinasses“, schwere Holzboote die sich dem Ozean mutig stellten. Werkzeuge und Möbel des Alltags die, nach der Meinung unserer Begleiterin, eine charmante Dame aus Lit-et-Mixe, “sich bis dato nicht viel geändert haben“

Fischerholzboot – La Pinasse

Schlafbereich

Trachten

 

 

 

 

 

 

 

Nebenbei werden  Geschichtchen erzählt, beispielsweise über die seltenen Wäschetage, das gemeinsame Essen aus einer Schüssel. Oder die Erklärung über die an der Wand eines Schlafzimmers aufgehängten Unterhosen, offensichtlich in Unisexversion: „Weil die Frauen damals auf den Feldern wie die Männer Wasser gelassen haben… nämlich stehend“! Ein Mitbesucher wollte auch wissen warum die Betten so klein waren: “weil man zu dieser Zeit so gut wie sitzend geschlafen hat, liegen war tabu… denn das war die letzte Lage“.

Harzarbeiter – Le Gemmeur

Ein bildhafter und unterhaltsamer Besuch, eine echte Spiegelung des damaligen harten Lebens in den „Landes“, sehr empfehlenswert.

http://www.meine-velotouren.de/auf-der-velodyssee-der-radweg-am-atlantik/