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Radtouren eines Senioren

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EINE KNEIPP – RADTOUR

Bad Wörishofen > Türkheim > Nassenbeuren > Mindelheim > Dirlewang > Altensteig > Bad Wörishofen

46 Km / 167 Hm ↑ (Höhenmeter)

 

Text und Fotos: André-S. Niedzielski

Ostschwaben und Niederallgäu, eine radfreundliche Gegend, wenig Berge nur einzelne Hügel zu überwinden und ein dichtes Radwegnetz. Dabei immer wieder auf den Spuren eines der wichtigsten Vertreter der modernen alternativen Medizin, Sebastian Kneipp.

Am 17 Mai 1821 wurde Sebastian Kneipp in Stephansried geboren, ein kleines bayerisches Allgäudorf, etwa eine Stunde Fußmarsch – wie er auch selbst Entfernungen  zurücklegte – von Ottobeuren mit der bekannten Barock Basilika entfernt. Die Familie war sehr arm. Sein Vater, Weber von Beruf, sah in ihm den Nachfolger des winzigen Betriebes. Aber Sebastian Kneipp hatte bereits in der frühen  Kindheit ein völlig anderes Ziel: studieren um Priester zu werden. Die Finanzierung einer derartigen Laufbahn fehlte natürlich vollkommen, sodass der junge Sebastian stetig auf der Suche nach  einer großzügigen Seele unter den Kirchenleuten war, die ihm zunächst das Gymnasium und später die „Priesterschule“ ermöglicht hätte. Dafür war er bereits als Jugendlicher oft unterwegs, meistens zu Fuß, zu den nächsten Städten der Gegend, Türkheim aber auch Kempten (36 km) mit einem Fußmarsch „von 8 – 9 Stunden“,  sowie Dillingen, wo er endlich im Alter von 23 Jahren die Chance bekam ins Gymnasium der Stadt aufgenommen zu werden und wie damals üblich, sein Studium in Latein zu beginnen.

Türkheim Ludwigstor

Rathaus in Türkheim

Herrlicher sonniger Oktobertag mit überdurchschnittlichen  Temperaturen, die den Radfahrer entspannt fahren lassen. Die wichtige Frage des Parkplatzes wird rasch gelöst, weil Bad Wörishofen, die Hauptstadt der Kneipp’schen Bewegung, natürlich ein wichtiges Thermalbad besitzt, mit kostenlosem Parkplatz, von wo aus Radler ihre Touren starten können… Die Anlage steht allerdings außerhalb der Stadt, sodass  einige Unsicherheiten  anfänglich in Kauf  zu nehmen waren, zumal mein Navigerät eine falsche Route angezeigt hatte. Zu guter Letzt bin ich doch auf dem richtigen Radweg, entlang der Bahnlinie Richtung Türkheim, ein Städtchen von ca. 7.000 Einwohnern, erste Etappe der Kneipp-Radrunde. Nach einer knapp halbstündigen Fahrt stößt man förmlich auf das Eingangstor der Stadt, das mächtige Ludwigstor, 1829 zur Ehre des Besuches von König Ludwig I. von Bayern errichtet. Die Bezeichnung der Ortschaft hat übrigens nichts mit der osmanischen Kultur zu tun, sondern stammt vom ursprünglichen thüringischen Dorfnamen „Dürka“. Handwerk, Industriebetriebe und Landwirtschaft sind die Hauptaktivitäten der Gemeinde. Am Ende der Hauptstraße, die Maximilian-Philipp-Straße, steht die monumentale Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

 

Sanfter Aufstieg am Bach

Hohe Fichten

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Radweg zweigt nach links  ab, Richtung Rammingen, das nächste Dorf auf der Tour. Fruchtbare landwirtschaftliche Gegend in Mischkultur mit weiten Rapsfeldern, abgeerntete Maisäcker, Zuckerrüben, Luzern und sogar hier und da Sonnenblumenparzellen. Leider geht der Radweg auf eine dicht frequentierte Landstraße über. Mein Navigerät versagt erneut seine Dienste, die regelmäßig aufgestellten Radwegmarkierungen sind aber sehr zuverlässig.

Maria Schnee Kapelle

 

 

 

 

 

 

 

Von Rammingen nach Nassenbeuren wird auf einer kaum benutzten Landstraße mit schwacher Steigung, entlang einem schattigen Bächlein geradelt. Angenehme kühle Teilstrecke, zumal die Tageshitze sich langsam bemerkbar macht. Anschließend ein Waldstück mit hohen Tannen und die Abfahrt nach Nassenbeuren. Dazwischen eine unbedingt zu nehmende Abzweigung Richtung einer bekannten Pilgerkapelle: Maria Schnee mit der malerischen und äußerst fotogenen, fast geradlinigen Lindenallee. Ideale Stelle für eine Denkpause und die Erinnerung an ein wenig bekanntes Element der Kneipp’schen Lehre: die Ordnung. Für Sebastian Kneipp gab es keinen Lebenserfolg, keine körperliche und seelische Gesundheit ohne Eigendisziplin.

Nassenbeuren – Pfarrkirche St. Vitus

Mindelheim

Mindelheim –  Einlasstor ( 15 Jh.)

Von Maria Schnee bis Mindelheim, eine 14.000 Einwohner große Ortschaft im Herzen des Niederallgäu, sind es nur wenige Kilometer Radweg.

Die mittelalterliche Ortschaft imponiert mit der Festungsmauer, den Eingangstoren der Stadt  und die zahlreichen gotischen Kirchen. An diesem leuchtenden Tag sind die Kaffeeterrassen gut besucht, ein südlicher Flair ist spürbar, leicht italienisch, die Sprache ist auffallend oft in den engen Gassen zu hören.

Mindelheim – Gasse mit südlichem Flair

 

Bäckerei

 

 

 

 

 

 

 

 

Rathaus am Marienplatz mit dem Standbild von Georg von Frundsberg

Mindelheim – Oberes Tor

Mindelheim – Gasse

 

 

 

 

 

 

 

Aus Mindelheim heraus folgt der Radweg einem kleinen Fluss, die Mindel, die aus dem benachbarten und klar sichtbaren Voralpengebiet stammt und in Ulm sich der Donau anschließt. Das Fahrrad rollt fast von selbst auf dem gepflegten Radweg mit langen schnurgeraden Abschnitten, ganz nah am pferchenden Wasser… die Verlockung war groß und es folgte prompt ein Fußbad in der eiskalten Mindel. Welch eine revitalisierenden Wirkung, Sebastian Kneipp hatte wohl Recht, die kräftigende Wirkung des kalten Wassers auf den Organismus zu predigen.

Mariä Verkündigung und…

… moderne Türme

 

 

 

 

 

 

 

In einem rührend ehrlichen Büchlein, „Aus meinem Leben“, erklärt er minutiös wie ihm der wertvolle Einfall, das Wasser und vor allem das kalte Wasser zu Heilungszwecken zu verwenden, gekommen ist. Mitten in einer gesundheitlich kritischen Lage und nachdem die damalige offizielle Medizin ihm nicht helfen konnte, war er ganz zufällig auf das Werk vom Arzt und Philosoph Johann Siegesmund Hahn, „über die Kraft und die Wirkung des frischen Wassers, besonders für die Kranken“ gestoßen. Seine eigene Interpretation war jedoch betont energisch, mit z. B. „winterliche Halbbäder von 3 bis 4 Sekunden in der Donau“… und er wurde wieder gesund.

Altensteig, Radweg und Dorf

 

Altensteig, kunstvolle Fassade

 

 

 

 

 

 

 

 

Persönlich kannte er bereits aus seiner Jugend die stärkende Wirkung des kalten Wassers auf die Tiere der benachbarten Bauern, bei den er oft geholfen hatte. Es war üblich an heißen Sommertagen die erschöpften Arbeitspferde nach einem anstrengenden Tag zum nächsten Bach zu führen und sie im Wasser watend, mit großen Eimern zu übergießen. Ihm fiel auf, dass die Pferde danach eine „auffallende Munterkeit“ zeigten.

Luxushotel

Beschilderung in Bad Wörishofen

 

 

 

 

 

 

 

Bald kommt Dirlewang, ein kleines Dorf mit landwirtschaftlicher Prägung. In etwa 15 Kilometer Entfernung sollte der Radfahrer die Katzbruimühle besuchen, eine bekannte malerische Attraktion wo Radler, Touristen und Familien von weit her kommen um  bayerische Spezialitäten auskosten.

Kurhaus Sebastianeum

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Radweg führt jetzt nach Altensteig, eine kleine Ortschaft am Fuße eines Hügels mit steiler Passage um die 6% über 2 Kilometer, die dem Radler einiges an Pedalschub abverlangt. Die anstrengende  körperliche Aktivität lässt wieder an die Kneipp’sche Lehre denken: Bewegung und Sport. Aktuell wie noch nie, sowohl in der Prävention, als auch in der Therapie der Herz- Kreislauf- Erkrankungen. Sebastian Kneipp selbst war wohl kein Sportler im modernen Sinne, jedoch seine „Wanderjahre“ mit etlichen Kilometern zu Fuß und die Zeiten seiner Jugend in der Landwirtschaft zeugen von der Neigung „zur Bewegung an der frischen Luft“, die er in sein Gesundheitskonzept voll integriert hat.

Bad Wörishofen, Pfarrkirche St.Justina

Oben angelangt quert der Radweg einen dichten dunklen Wald mit anscheinend günstigen Voraussetzungen für essbare Pilze, denn mehrere Gruppen von Kennern mit Körben an der Hand  sind hier tüchtig am Werk. Sebastian Kneipp kannte auch die Allgäuer Flora, speziell die medizinischen Pflanzen, die er oft bei der Behandlung seiner Patienten verwendete.

Bad Wörishofen, Denkmalplatz

…in der Hauptstraße

 

…am Wörthbach

 

 

 

 

 

 

Anschließend folgt eine genussvolle Abfahrt Richtung Bad Wörishofen, die größte Stadt im Niederallgäu mit etwa 15.000 Einwohnern und einer eindrucksvollen Zahl an Besuchern. Die Attraktivität der Stadt beruht vor allem auf der konsequenten Anwendung der Hydrotherapie, der Wasser-Heilmethode, nach der Lehre von Sebastian Kneipp. Die Stadt hat jedoch schwierige Zeiten durchgemacht, speziell in den Jahren nach 1990 wegen einer grundlegenden Veränderung der Gesundheitspolitik, die unter anderem die Kuren, die am Erfolg der Stadt vordergründig beteiligt waren, stark kürzte. Später erholte sich die wirtschaftliche Lage indem Bad Wörishofen mehr auf private Kuren und Wellness gesetzt hatte. Außerdem wurde ab 2004, durch die Errichtung eines imposanten Thermalbades, aufwendig exotisch dekoriert, mit Kneipp’schen Einrichtungen, Saunen und Schwimmbecken ausgestattet, eine beträchtliche Anzahl von Besuchern angezogen.

Die 5 Gebote der Kneipp’schen Lehre – Natürlich gesund

Kurz vor der Stadt schlängelt sich der Radweg durch die typische Landschaft des Allgäus. Weideäcker mit den kleinen, braunen, alpinen Kühen die zuschauen wenn die Radler vorbei-flitzen. Einzelne Bauernhöfe mit den klassischen Misthaufen an der Seite und plötzlich, ohne Übergang, die ersten mächtigen Luxushotels der weltberühmten Kurstadt.

Kurtheater

Wichtige Persönlichkeit von Bad Wörishofen

 

 

 

 

 

 

 

Die Wegmarkierung führt den Radler direkt in die Fußgängerzone, dicht besiedelt von Touristen, Patienten der Sanatorien und Dauereinwohnern. Seniorenpublikum das die letzten Sonnenstrahlen des Tages und vielleicht der Saison, an diesem Spätnachmittag auskostet. Die Café-Terrassen sind vollbesetzt, kaum ein freier Platz zu bekommen. Kannen und dicke Kuchenstücke schmücken die Tische unter dem kritischen Blick der massiven Statue vom Msrg. Sebastian Kneipp der am Rande des Denkmalplatzes die Lage überblickt. Seine Devise war eher eine „einfache, ausgewogene Ernährung und vornehmlich Vollkornmehlprodukte“. Aber ein Mal ist kein Mal, die Kuranstalten der Stadt sind sich der Problematik des Übergewichts bewusst und folgen den Regeln des Meisters.

Bahnhof mit Begrüßungssymbol…

 

 

 

 

 

Trotz reger Unterhaltung herrscht in der Ortschaft keine Hektik, sondern eine gelassene Stimmung, Ruhe und Wohlergehen. Zeitweise, beim Vorbeigehen, der charakteristische Duftschwall der medizinischen Bäder: Eukalyptus und Rosmarin. Einige Kurpatienten mit Gehwagen, Rollstühlen oder orthopädischen Hilfsmitteln die auch an die kurative Bestimmung der bevorzugten Stadt von Sebastian Kneipp erinnern. Er verweilte hier als Priester der Kirchgemeinde Bad-Wörishofen von 1855 bis zu seinem Ableben 1897. Eine sozial offene Kurstadt, wo sämtliche Hotels, Sanatorien und Restaurant Klassen, von luxuriös bis einfache Pizzeria, vertreten sind.

Die Therme…

 

…mit Logo

 

 

 

 

 

 

 

Die Lehre Sebastian Kneipps mit ihren fünf Prinzipien wurde zum gemeinsamen Nenner der erfolgreichen Ortschaft. „Die Natur ist die beste Apotheke“ sagte er oft und meinte dabei Wasseranwendungen wie medizinische Bäder, stimulierende Güsse oder Anwendung von Heilkräutern. Dazu körperliche Aktivität „an der frischen Luft“, ausgewogene Ernährung und seelischer Ausgleich als Krönung seiner weltweit anerkannten Doktrin.

Vom Kurhaus geht es geradeaus zum Ausgangspunkt der Radtour, an die Therme Bad Wörishofen.

 

Fazit: eine variantenreiche Radtour, von rustikal  mitten in einer idyllischen Landschaft, bis städtisch in der weltbekannten Kurstadt unter der Obhut der Lehre von Sebastian Kneipp, Priester und anerkannter Hydrotherapeut. Dabei ein echtes Radvergnügen auf gepflegten Radwegen, mit Unterstützung der ausgezeichneten Wegweisung.

Quelle: “Aus meinem Leben“ Selbstbiographie von Msg. Sebastian Kneipp. Herausgeber: Stamm-Kneipp-Verein e.V / Bad Wörishofen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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