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80 Km / 511 Hm↑

Text & Fotos: André-S. Niedzielski

 

Ausgangspunkt der Tour ist die Ortschaft Teufen, 6T Einwohner, mitten im Appenzellerland; eine erfolgreiche wirtschaftliche Vorgeschichte mit der Produktion von Leinen und Baumwollstoffen, speziell der feinen „Mousseline „ .… bis zu den Jahren um 1900, wo eine schwere Krise der Textilindustrie nicht nur den Ort sondern die gesamte Region traf!

Lange Abfahrt auf einem schmalen Radweg entlang  der Kantonalstrasse nach Sankt Gallen, Hauptstadt des gleichnamigen Kanton. Eine 80T Einwohner große Stadt, ständig im Um- und Aufbau unter anderem auf einem reduzierten Areal zwischen Altstadt und der Appenzeller Hügellandschaft. Es entsteht der Eindruck, dass jeder Quadratmeter für Haus und Straßenbau der Natur abgeknabbert werden muss.

 

Sehenswert in der Stadt: die Stiftbibliothek mit ihren 160T Büchern, davon welche aus dem Mittelalter in Originalfassung und  wertvolle Sonderdrucke  die bis auf das Jahr 719 zurückgehen, die Zeit der Gründung der christlichen Zelle am Ort durch den irischen Priester, der Heilige Sankt Gallus. An das Kloster angelegt die Stiftskirche, gebaut zwischen 1750 und 1800 mit  mächtiger Präsenz in der Altstadt.

Sankt Gallen, die Stiftskirche

Der Gallusplatz mit Brunnen

Lebhaftes  wirtschaftliches, kommerzielles und kulturelles Zentrum der Ostschweiz; zahlreiche Schulen, Hochschulen und eine Universität mit den Fächern Wirtschafts-Recht sowie Sozialwissenschaften. Eine ausgesprochen adrette Altstadt,  mehrere  Häuser mit Holzerker, auch mehrstöckig,  geschnitzt und bemalt. Überbleibsel  der mittelalterlichen Schutzmauer mit dem Karlstor. In den Gassen der Altstadt, dominiert durch die imposante Stiftskirche, herrscht ein friedliches und ruhiges Ambiente. Eine Anzahl von hochwertigen Geschäften, erlesene Schokoladenläden für Touristen, Goldschmiede und Uhrengeschäfte  mit luxuriösen Schaufenstern . Eine wohlhabende Stadt.

Fassade mit Erker und Wandmalerei

Multergasse

 

 

 

 

 

 

Ausgezeichnete Radwegmarkierung durch die City und Übergang zu einer rasanten Abfahrt in Richtung Bodenseeufer. Pure Radfahrerfreude , Geschwindigkeit ohne Anstrengung. Am See entlang, ein regelrechter breiter Radweg, zeitweise auf Schotter, meistens aber asphaltiert und mit ausgezeichneter Wegmarkierung.

Die Präsenz der Cathedrale

Auf dem Weg, ziemlich dicht aneinander, kleine und mittelgroße Betriebe, wenig Landwirtschaft und Viehzucht. Einzelne Vertreter der Rotviehrasse verstreut auf blühenden Obstgärten. In Altenrhein , eine auffallend fantastische Baugruppe , die Markthalle vom Maler und Architekt Friedensreich Hundertwasser.

In der Altstadt

Bei dem oft geradlinigen Radweg, kommt man schnell voran und erreicht problemlos das Städtchen Sankt Margrethen an der Grenze zu Österreich. Ca 6T Einwohner und mehrere Logistik-unternehmen. Von da an, zunächst am Rhein entlang in Richtung Alpenkette, die bei diesem  milden beinahe sommerlichen Aprilwetter, Unmengen von Schmelzwasser abgibt, was sich am  jungen Fluss Rhein bemerkbar macht. Braune um-wühlte Wassermassen die mit hoher Geschwindigkeit zum Bodensee hinunter brausen.

Ausgezeichnete Wegmarkierung

Das Flusstal wurde auch zwischen 1860 und 1890 mit gewaltigem materiellem und menschlichem Aufwand kanalisiert. Der Hauptgrund des Unternehmens  war die Vermeidung der regelmäßig auftretenden Überschwemmungen, die vor allem im Frühjahr sämtliche Dörfer und isolierte Gehöfte unter Wasser setzten und enorme Schäden ausrichteten. Mit der Kanalisierung wurde der Rhein in seinem Bett festgehalten und gab dadurch neue Agrarflächen frei. Auf diesen fruchtbaren Böden entstand eine Agrarregion mit hohem Ertrag. Gemüseanbau, Mais, Raps, sonstige  Getreide und Felder von Erdbeerpflänzchen, zurzeit in voller Blüte.

Altenrhein, die Markthalle

Um bei der Flussregulierung die Massen von Erdhub, Sand und Zement zu transportieren,  wurde sogar ein für moderne Verhältnisse „winziger Zug“ mit Spurweite 750 Millimeter aufgestellt: die Bahn der „Internationalen Rheinregulierung“ dessen Überreste hier und da auf den Schutzdamm auffallen.

Frühjahrespracht im Rheintal

Nach etwa 5 Km am Fluss entlang, biegt der Radweg nach rechts ab, entfernt sich vom Rhein und folgt dem  ehemaligen Treidelweg am Rheintaler Binnenkanal. Ein erstklassiger  breiter, geradliniger Radweg ist hier entstanden und mit zufällig einsetzenden Rückenwind ein Hochgenuss für den Seniorenradamateur. Ständige Geschwindigkeit um  25 km/h bei einem regelmäßigen Tretrhythmus…ideale Bedingungen und Fahrradfreude pur!

Aussicht vom Bähnle aus…Rheintal und Alpenkette mit Säntismassiv

Bald kommen wir in  Altstätten an, kleine Stadt gerade am Berghang gebaut, sicherlich um den Frühlings Rheinlaunen zu entkommen. Und desto trotz, die Gefahr ist oft unvorhersehbar: Es ist nicht lange her, dass 2014 nach einer langen Regenwetterperiode, nicht der Rhein sondern ein kleines unbedeutendes Bächlein, das durch die Stadt in einem tiefen Bett fließt, sich plötzlich und unerwartet  in einen furiosen Bach verwandelt hatte, Baumstämme gerissen und sich dadurch selbst den Weg versperrt. Dunkle Wassermassen mit Geröll und Schlamm haben dann die Stadt überschwemmt und erhebliche Schäden verursacht. Schreck für die Bevölkerung durch diesen heimtückischen Angriff!

Appenzeller Hof (neu)

Ein Städtchen von 11,5T Einwohner und einem originellen  blumigen Alstadtkern unter Arkaden, mit Fachwerkhäusern und Überbleibsel der mittelalterlichen Schutzmauer. Praktische Attraktion der Stadt, besonders für die Radfahrer am Fuße einer mächtigen Steigung Richtung Appenzellerland: Die Bergbahn der „Appenzeller Bahngesellschaft“ (AB) nach Gais. Stundentakt und  Fahrradmitnahme. Allerdings muss der Radfahrer sein Gefährt doch sehr hoch schätzen, denn es zählt im Billetverkauf als ganze Person!

Appenzellerhof (alt)

Der Aufstieg für das Bähnle ist steil und das  laute Einklinken des Zahnrades an besonders schwierigen Stellen ist leicht hörbar. In einer knappen Stunde kommt man in einer völlig anderen Welt an. Vorbei das weite Gletschertal mit dem kanalisierten Rhein in der Mitte und die Agrarvielfalt. Eine Art Spielzuglandschaft mit  einzelnen isolierten farbigen Bauernhöfen auf einen weiten einheitlich grünen Teppich verstreut, sichtbar verbunden durch ein Netz an Landwegen. Hier und da noch weiße Flecken die an die Härte des Winters erinnern und auf den Südseiten der sanften Hügel, bereits bescheidene Herden von Braunvieh die das erste -nahrungsreiche Gras des Jahres auskosten. Im Hintergrund, wie dahin gemalt, mitten in den alpinen weißen Gipfeln, seine Majestät der Säntis mit 2502 Meter Höhe!

 

Gais / AR – Hausfassaden am Dorfplatz

Die Reformationskirche

…zum Gäbris

 

 

 

 

 

 

In einer Vertiefung gelegen, geschützt vor Wind und Schnee im Winter, das Dorf Gais, „die Ziege“ in der Umgangssprache. 3 T Einwohner und eine doppelte historische Tradition die teilweise im kleinsten Rahmen weiterlebt: Einerseits Stickerei und Spitze in Anlehnung an Sankt Gallen, die damalige Textilhauptstadt der Ostschweiz und andererseits die Verwendung von Milchserum zu therapeutischen Zwecken. Aktuell einzelne handwerkliche Betriebe in der Holzbearbeitung und im Vordergrund die Tourismusbranche. Ein malerischer Dorfplatz mit der imposanten Reformations-Kirche ( 1781-82) und bemerkenswerten Rokoko Stuckaturen im Innenraum. Viele Holzhäuser  eher in diskreten  Grautönen gehalten, oft  mit geschweiften Giebeln. Am Dorfende, auf der Straße zum Gäbris, der Hausberg mit 1247 Meter Höhe, eine renommierte Rehabilitationsklinik für Kardiologie und Psychosomatik, geführt  auf der Basis der Bewegungstherapie.

Klinik Gais

 

…am Wege im Kanton Appenzell IR

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach etwa 6 Km bergab, das Städtchen Appenzell mit 5,7 T Einwohner, bereits im Nachbarkanton Appenzell  Innerrhoden, das katholische Pendant zum Dorf  Gais im Reformationskanton  Appenzell  Außerrhoden. An der Sitter gelegen, ein klarer und eiskalter Bach, zeigt die Ortschaft alle Facetten der typischen Bauweise der Gegend: Fachwerkhäuser, oft bunt, oft eng an der Hauptstraße gedrängt aber immer blumig dekoriert. Ungewöhnliche politische Hintergründe prägen die Besonderheit der Stadt Appenzell: zunächst  das Frauenwahlrecht  auf Krantonebene erst 1990 gewährt und ein höchst demokratischer moderner Regierungsmodus, die Landsgemeinde, die perfekte Form der direkten Demokratie. Einmal jährlich, meist  am letzten Sonntag im April erfolgt auf dem Dorfhauptplatz eine öffentliche Sitzung des Bezirksrates, wo die offenen Fragen von Kanton und Stadt diskutiert und  gegebenenfalls mit Handzeichen angenommen  werden.

In den Gassen von Appenzell

Die Stadt feiert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Farbenpracht

Spitzen Trachten

Wieder auf dem Radweg, meistens entlang der Kantonalstrasse, über Bühler bergab in Richtung Teufen, der Ausgangspunkt der Radstrecke mit breitem Blick auf die gewaltige Säntiskette.

 

Festtag in der Stadt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FAZIT: Eine Rundtour durch gänzlich verschiedene Regionen mit reichlich Kulturgütern und kraftvollen  charakteristischen Eindrücken. Zeitweise kommt die historische Vergangenheit in den Vorschein, jedoch stets  im Rahmen einer modernen bodenständigen Lebensweise.

 

http://www.meine-velotouren.de/vom-bodensee-zum-rheinfall/